Digitale Ignoranz
Professor Dieter Kempf | am 03. September 2012

»Oh je« möchte man sagen. Nun also kommt die Diskussion um »Digitale Demenz«. Da hat jemand ein Buch geschrieben, einen eingängigen Titel gefunden, seine Thesen schön spitz formuliert … und los geht’s.

Manfred Spitzer, Neuromediziner, Psychologe, Philosoph, spürbar nicht wirklich internetkundig. Ihm ist das Web ein diffus-dunkler Digitalraum, der ausschließlich aus Google Search und Facebook zu bestehen scheint. Von adaptivem Lernen – zum Beispiel - hat Spitzer offenkundig noch nie gehört. Und so darf man sich nicht einmal wundern, wenn er bestreitet, dass »Medienkompetenz überhaupt zu irgendetwas gut ist.« Wundern darf man sich über die Resonanz, die Spitzer erfährt. Aktuell setzt er damit das Thema großer Talkshows.

Auch im BITKOM wird niemand behaupten wollen, das Internet sei heile Welt oder Wundermittel gegen die Wehwehchen unserer Zeit. Aber wir wollen schon fragen, ob irgendjemandem geholfen ist, wenn man seine Potentiale einfach verleugnet und damit den Blick verstellt auf Handlungsmöglichkeiten und Handlungszwänge. Ja, der medialen Präsenz Spitzers mag damit geholfen sein, seinen Buchverkäufen ohnehin. Doch helfen wir damit den Kindern und Jugendlichen und ihren Eltern, die einen sinnvollen Zugang zum und Umgang mit dem Internet suchen? Oder denen Mittel gegen Spielsucht, Grooming und Cyber-Mobbing an die Hand gegeben werden müssen? Die gleichzeitig die schier unendlichen Möglichkeiten des Web für Information, Kommunikation, bessere und motivierendere Bildung nutzen wollen?
Die Diskussion der Digitalen Demenz ist in dieser Zuspitzung und mit dieser breiten Resonanz auf Deutschland begrenzt.

Und so fühlt man sich erinnert an die Zeiten, als Deutschland weltweit als Heimatland der Technikkritik galt. Ich dachte und hoffe immer noch, dies ist überwunden. Vielleicht ist es Zeit zur Formulierung einer Gegentheorie – vom notwendigen Ende digitaler Ignoranz.
 

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